Konstantinopel - das Oströmische Reich

 

Während der Westen die Qualen der Zerstümmelung durch den Einfall der Barbaren erlitt, blieb das Ostreich weitgehend unversehrt. In der Geborgenheit seiner massiven Verteidigungsmauern und während der langen stabilen Regierungszeit des Kaisers Theodosius II. bereitete sich Konstantinopel darauf vor, die Funktionen des Zentrums der zivilisierten Welt zu übernehmen.

Imponierende Kirchen entstanden. An der Stelle der ersten 404 niedergebrannten Hagia Sophia vollendete Theodosius 415 - fünf Jahre nach der Plünderung Roms durch die Goten - eine neue Kirche, die Johannes dem Täufer geweiht war und sich zum mächtigsten Kloster des Byzantinischen Reiches entwickeln sollte. So entfaltete Konstantinopel, während Rom dahinsiechte, kraftvolles Leben.

Die höchste Blüte stand jedoch noch bevor. Im Jahr 527 bestieg Justinian I den Thron. Er sollte in den 38 Jahren seiner Regierungszeit nicht nur Stadt, sondern auch sein Reich völlig verwandeln.Von hervorragenden Männer - wie die Feldherrn Belizar und Narses - umgeben, gelang es ihm große Teile des alten Reiches zurückzugewinnen. Italien, Afrika und Gebiete Spaniens wurden noch einmal unter einem Kaiser vereinigt, während in Konstantinopel Bauwerke von einer Art entstanden, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. Den Höhepunkt stellte der überwältigende Neubau der Kirche Hagia Sophia (Heilige Weisheit) dar.

Die Kirche Theodosius war 532 von einem Pöbelhaufen zerstört worden. Justinian beschloß, sie sofort wiederaufzubauen, und holte ohne Rücksicht auf die Kosten, Handwerker aus jedem Land zusammen. Als Baumeister verpflichtete er den Mathematiker Anthemios von Tralles sowie Isidor von Milet. Die Kirche wurde fünf Jahre später eingeweiht - jedoch sogleich von einem Erdbeben zerstört. Noch einmal begann der Wiederaufbau, und endlich öffnete die gewaltige Kirche - im wesentlichen der heute noch erhaltene Bau - ihre Pforten. Als am Weihnachtstag des Jahres 563 die Sonne aufging, trat der nun alternde Kaiser ein.

Kaiser Justinian I. in dem berühmten Mosaik von San Vitale in Ravenna

Die Hagia Sophia heute

 

Es ist eine böse Ironie, daß die Stadt ihren Todesstoß quasi im Namen der Kirche empfangen sollte. Am 13 April 1204 überwanden die Lateiner Truppen des vierten Kreuzzugs die Mauern und plünderten in einer Orgie der Gier und Zerstörungswut alles, was sich in der Stadt an Wertvollem befand, und ließen nur einen Trümmerhaufen zurück.

1453 wurde die Stadt von den Osmanen (Türken) unter Mohammed II erobert und das oströmische Reich erlosch endgültig.Griechen und Türken erinnern sich heute noch jährlich des 29. Mai 1453 als des Tages ihrer größten Niederlage und des ihres höchsten Triumphes. Denn seit diesem Ereignis wandelte sich die Geschichte beider Völker grundlegend. Für die Griechen begannen Jahrhunderte der Unterdrückung, in denen die Kirche der einzige Kristallisationspunkt für ihr Volkstum war. Die Türken andererseits erblickten in der Vernichtung ihres Erzfeindes die Vollendung ihres Imperiums.

Wir können Beifall zollen dafür, wie die neue Stadt sich wie ein Phönix aus der Asche erhob. Reiche dieser Welt bestehen nicht ewig. Byzanz hat über tausend Jahre hin, den griechisch-römischen Geist erhalten und gepflegt, während West-Europa durch das Mittelalter tappte und antike Traditionen unter anderen Vorzeichen bewahrte. Als Konstantinopel fiel, wurde die Welt ärmer.

 

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Rom im Rückzug
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